Lindenblatt Ausgabe Nr. 13
Mai 1993

Die Geschichte unserer Pfarrkirche

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Urkunde vom Gegenpapst
Dem Gegenpapst Calix III ist es zu verdanken, dass Neuheim erstmals erwähnt wird. Im Jahre 1173 bestätigt dieser dem Kloster St. Blasien im Schwarzwald ausdrücklich den Besitz der Kirche von Neuheim.

Mitte des 15. Jahrhunderts wird die Pfarrkirche, dank Unterstützung vieler Wohltäter, neu gebaut. Der Weihbischof von Konstanz weiht sie 1504 zu Ehren der seligsten Jungrau Maria feierlich ein. Altarpatrone sind die hl. Anna, der hl. Bonifatius, St. Blasius, St. Christopherus und St. Eustachius. Im Jahre 1512 übernimmt die Gemeinde am Berg den Kirchenschatz und damit auch die Unterhaltspflicht des Gotteshauses.
Die Bevölkerung leidet schwer unter den Glaubenskriegen. Das Land wird verwüstet. Auch die Kirche wird während des Kappelerkrieges „geschlissen“, doch in der Folge wird sie wieder hergestellt. Räuber entwenden 1603 die wertvollen Sakralgegenstände. Dank einer Sammlung im ganzen Kanton kann der Verlust jedoch ersetzt werden,

Raumknappheit erfordert 1617 eine Erweiterung des Kirchenschiffes nach Norden. Ein neuer Hochaltar wird 1628 eingeweiht. Die Volksfrömmigkeit ist gross. Es bildet sich eine Rosenkranzbruderschaft. Für eine Orgel wird 1644 die Summe von 166 Gulden gespendet.



Wallfahrtskirche
Der Neubau der Kirche in ihrer heutigen Form erfolgt 1663/64. Dabei wird der bestehende Turm übernommen. Die feierliche Einweihung vollzieht der apostolische Nuntius Umbaldo Badeschi. Der Hochaltar wird der Jungfrau Maria, die Seitenaltäre der hl. Anna, dem Apostel Jakobus und dem hl. Lazarus geweiht. Die heutige Kirchturmspitze wird 1673 durch Zimmermeister Balz Hiltensberger erstellt. Die Turmspitze kostet 1'000 Gulden. Gleichzeitig wird die Kirche vollständig renoviert. Dafür werden weitere 2'000 Gulden aufgewendet.

Der Schweizer Gardist Benedikt Bolsinger bringt 1679 bei seinem Heimaturlaub die Gebeine des Katakomben Heiligen Bonifatius mit. Er hat die (angeblich) aus der Cyriakus-Katakombe stammenden sterblichen Ueberreste vom päpstlichen Sakristan erhalten. Die Reliquien werden im Kloster Einsiedeln von Bruder Leonhard Dossenbach gefasst und 1681 in der Pfarrkirche Neuheim aufgestellt. Zehn Jahre später werden sie in „gut Silber und Gold“ gelegt.

Die Kirche ist im Mittelalter ein Marienwallfahrtsort. Eine Muttergottes-Statue befindet sich (vermutlich) in einem gotischen Schrein. Das Bildnis werde von „Auswärtigen andächtig besucht“. Es finden Prozessionen aus den umliegenden Gemeinden statt. Im Jahre 1738 werden die Kreuzwegtafeln an den Seitenwänden des Kirchenschiffs in Auftrag gegeben. Im Jahre 1744 findet eine umfassende Kirchen-Renovation statt. Der Kirchturm wird neu gedeckt und die Zeittafeln der Turmuhr neu bemalt. Kreuzaltar und Kanzel werden errichtet. Für die Kanzel werden 300 Gulden ausgegeben. Bereits zehn Jahre später beschliesst jedoch der Kirchenrat, zur „Ehre Gottes“ und zur „Zier der Kirche“ eine „neue und anständige„ Kanzel zu erstellen. Das Kirchenvermögen solle dabei aber nicht angegriffen werden.

Eine neue Orgel wird erstellt
Joseph und Viktor Bossard von Baar erstellen 1734 eine neue Orgel. Die alte Orgel wird an Zahlung genommen. Die Kirchgenossen haben das alte Instrument nach Baar hinunter zu bringen sowie das neue abzuholen. Die Kirchenbauer erhalten 450 Gulden sowie eine „Diskretion“. Die Garantiezeit beträgt drei Jahre. Die Orgel wird auf Ostern 1738 installiert. Während über 100 Jahren wird in der Folge das Instrument von den Orgelbauern Bossard betreut.

Die Glockengiesser Peter und Anton Keiser von Zug liefern 1755 zwei neue Glocken. Die Kirchgenossen nehmen dafür beim Abt von Einsiedeln ein Darlehen von 100 Doublonen auf. Es wird zu 3% verzinst und ist rückzahlbar innert 5 Jahren. Als Sicherheit werden zwei Gülten im Nominalwert von 1'000 und 200 Gulden hinterlegt.

Im Jahre 1766 wird eine weitere Kirchen-Renovation in Auftrag gegeben. Der Chor wird durch ein Holzgitter abgetrennt. Die Bilder werden mit Stukkatur-Rahmen, welches „anständiges Laubwerk“ darstellen soll, verziert. Ein neuer St. Anna-Altar wird mittels Vergabungen finanziert.

1788 schlägt der Blitz in den Turm, fährt durch denselben hinunter bis in die Ecke beim Bonifatius Altar. Er richtet keinen grösseren Schaden an. Pfarrer Zehnder berichtet vom Ereignis und macht den Bonifatius-Altar damit aktenkundig.

1793 werden neue Kirchenfenster in Auftrag gegeben und zehn Jahre später eine neue Glocke, die sog. Marienglocke eingeweiht.

Deckengemälde werden angebracht
Auf Betreiben von alt Ammann Clemens Weber wird 1805 eine weitere Kirchen- Renovation beschlossen. Der Baukommission gehören an: Ratsherr Trinkler ab der  Blachen, Kirchenpräsident Joachim Hegglin, alt Kirchmeier Peter Zehnder, Fähnrich Peter Joseph Zehnder und Alois Röllin ab Hinterburg.

Den Auftrag der Kirchen Renovation erhält Joseph Wirthensohn, ein in Frauenfeld niedergelassener Voralberger Barockkünstler. Dem Stukkateur wird nach dreivierteljähriger Arbeit in Neuheim von Kirchenratspräsident Hegglin ein gutes Zeugnis ausgestellt. Er lobt in als guten „Stokator und bauarbeiter“, der seine Arbeit um „einen gemässigten Preis, schön, planmässig und künstlich zum vollkommenen Vergnügen“ ausgeführt habe.

Nach langen Diskussionen wird beschlossen, an der Kirchendecke Malereien anbringen zu lassen. Nachdem die Kommission Bilder in Unterägeri und Steinhausen besichtigt hat, wird Maler Moos aus Zug damit beauftragt. Unter Beizug der Geistlichkeit werden dem Künstler „die Gedanken angezeigt“, welche Motive man an der Decke wünsche, damit er diesselben „skizziere“ und der Baukommission zur Genehmigung vorlege.

1821 erstellt der „opifex“ Johann (Joseph) Moosbrugger mit seinem Sohn Leopold einen neuen Hochaltar, bestehend aus Tabernakel, Altartisch, „Postamenten und Scalinen“.

Kirchturm wird renoviert
1826 wird der Kirchturm renoviert. Es werden 43'000 Eichen-Schindeln benötigt, sowie 33'000 „Nietli“. „Turmdecker“ sind Michael Uttinger von Baar und Lukas Rüttimann von Steinhausen. Die Renovation kostet 479 Gulden. Es wird morgens von 5 Uhr, bis abends 7 Uhr gearbeitet. Damit die Eichenschindeln anwittern  und die Gerbsäure abgebaut werden kann, wird bis zum Farbanstrich zwei Jahre zugewartet. Malermeister Leontius Meyenberg aus Neuheim besorgt anschliessend den Anstrich des Turmhelms sowie des Beinhaus-Turmes in rot. Der Meister verlangt 5 Louisdor und dreieinhalb Neuthaler. Da er des Schreibens unkundig ist, unterzeichnet er mit einem Kreuz.

1832 repariert Meister Fidel Gestach aus Frastanz die abgerissenen Stukkaturen. Gleichzeitig renoviert Maler Moos seine vor 26 Jahren gemalten Deckengemälde bereits wieder. Die Sakristei wird mit Zinkblech gedeckt und es werden Dachrinnen angebracht. Sporadisch reparieren Misoxer Glaser die Kirchenfenster.

Ueberschuss aus Schulhausneubau für den Hochaltar
Eine Spende von Ratsherr Heinrich Peter Zehnder bringt die Anschaffung eines neuen Hochaltars ins Gespräch. Zwei Skizzen werden angefertigt und die Arbeit 1844 Bildhauer Joseph Amberg aus Büron/LU übergeben. Vom alten Altar sollen übernommen werden: Der hl. Geist oben auf dem Altar vergoldet, besonders die Strahlen, zwei der grösseren Engel und zwei der kleineren, gefasst in fleischfarbigem Alabaster, Säume und Flügel gut vergoldet. Falls die grösseren Engel nicht nach Büron gesandt werden können, würden sie in Neuheim gefasst.

Beim Aufrichten des Altars stellt Neuheim neben Kost, einen Schreiner und zwei Gehilfen während 3 – 4 Tagen zur Verfügung. Die Kosten belaufen sich auf 20 Louisdors oder 320 Schweizer Franken nach neuer Währung. Der Hochaltar wird aus Geldern der erwähnten Stiftung sowie aus dem Ueberschuss der für den Schulhausneubau erfolgten Sammlung, bezahlt.

1884 muss der Turmhelm repariert werden. Die Gründe für den Schaden liegen im sehr grossen Turmkreuz, welches mit Laubwerk verziert ist. Das Kreuz  wird verkleinert und vereinfacht, damit es dem Wind weniger Angriffsfläche biete.

1855 wird Altarbauer Moosbrugger ein Taufstein aus Gipsmarmor zum Preis von
Fr. 96.50 liefern. Im folgenden Jahr erstellt Moosbrugger zwei Seitenaltäre. 1822 liefert er endlich die längst bestellte Kanzel. Er weilt 24 Tage auf Kosten der Gemeinde in Neuheim, um die Kanzel zu verfertigen.

1864 liefert die Firma Lütolf & Kaufmann eine neue Orgel zum Preis von Fr. 2'700.-. Maler  Zürcher aus Zug legt Pläne für ein neues hl. Grab vor,  welches 1879 angefertigt wird.

Turmuhr wird ersetzt
1879 wird am Turm der Putz repariert. Die Wände werden neu geweisselt und die Schalläden grün gestrichen. Weil die alte Uhr nicht mehr zu reparieren ist, wird sie ersetzt. Ein viertes Zifferblatt wird am Turm angebracht und ein altes ersetzt.

Im Hinblick auf das Zweihundertjahr-Jubiläum des hl. Bonifatius wird 1880 eine Kirchen- Renovation durchgeführt. Der Hochaltar wird von Maler Zürcher renoviert. Ein Gemälde von Melchior Paul von Deschwanden wird erstellt. Der hl. Bonifatius wird im Kloster Frauenthal neu gefasst. Die zahlreichen Votivtafeln in der Kirche  werden beseitigt.

1887 wird der Turmhelm wiederum repariert.
Da der Tabernakel aus Stuckmarmor nicht mehr den kirchlichen Vorschriften entspricht, wird er durch einen geschnitzten ersetzt. 1899 liefert die Firma Kuhn eine pneumatische Orgel mit 13 Registern.

Betglocke zerspringt nach 323 Jahren
Weil die sehr alte Betglocke 1901 zerspringt, wird ein fünfstimmiges Geläute von Rüetschi in Aarau angeschafft. Die noch vorhandene Keiser Glocke sowie eine von den Gebrüdern Welpen findet dabei Verwendung. 1903 erhält die Kirche eine elektrische Beleuchtung.

1932 findet eine Chor-Renovation statt. Die Familie Schelbert im Blatt stiftet dazu drei Gemälde. Es müssen im Deckenspiegel Stukkaturen entfernt und das Läuterfensterchen der Turmtreppe geschlossen werden. Die Statuen von Peter und Paul werden aufgestellt.

1934 werden für die Dorfbevölkerung auch die Minuten wichtig. Die Turmuhr erhält ein Minuten-Zeigewerk.

Kirche unter Denkmalschutz
1965 wird die Kirche unter Leitung des Archidekten Schmid in Rapperswil vollständig renoviert. Als Fachexperte waltet Prof. Dr. Linus Birchler von der eidgenössischen Denkmalpflege. Pfarrer Sales Ruckstuhl sammelt persönlich und mit grossem Einsatz im ganzen Lande für diese Renovation.

Es werden wieder die alten Stuck-Farben blau und ocker verwendet. Die Bonifatius Figur verschwindet auf dem Dachboden und wird durch einen barocken Petrus aus dem Kirchenbesitz ersetzt. Die seitlichen Beichtstühle und die an den Wänden angebrachten „Chrüzen“ (Logenplätze bestimmter Geschlechter) werden entfernt. Ebenso das Chorgestühl. Eine zurück erworbene spätgotische Piéta erhält links im Kirchenschiff einen Platz.

Nach der gelungenen Renovation wird die Kirche von Neuheim unter Denkmalschutz gestellt.

Schlussbemerkungen

Die Geschichte der Kirche von Neuheim ist auch die Geschichte der hier wohnenden Menschen. Die Dorfkirche nahm während Jahrhunderten einen zentralen Platz im Leben dieser Menschen ein.

Es ist faszinierend zu verfolgen, wie das Gotteshaus verändert und dem jeweiligen Zeitgeist angepasst wurde. Man scheute keine Mittel und keinen Aufwand, um die Kirche als Mittelpunkt des dörflichen Lebens würdig zu gestalten.

Auch heute kann sich die Kirche dem Zeitgeist nicht entziehen. Wir haben die Dorfkirche unter Denkmalschutz gestellt. Das ist positiv zu werten. Aber wir konservieren nur und schaffen wenig Neues von Bestand. Undenkbar, ja geradezu absurd der Gedanke, wir würden bekannte Künstler von Weltformat während Jahren für künstlerische Werke in Neuheim arbeiten lassen und dies „zur Ehre Gottes“ und zur „eigenen Erbauung“. Auch das ist Ausdruck von Zeitgeist.

Franz Felder